Human in the Loop
Vielleicht ist „Human in the Loop“ ein letztes Aufbäumen der Aufklärung.
Das Konzept des "Human in the Loop" ist ein beruhigendes Bild: Der Mensch bleibt souverän. Die Maschine bleibt Werkzeug. Verantwortung bleibt sauber adressierbar.
Nur: Agentische KI bringt genau diese Ordnung ins Wanken.
Wenn Systeme nicht mehr nur ausführen, sondern planen, priorisieren, entscheiden, handeln und andere Systeme koordinieren, sind sie keine blossen Instrumente mehr. Sie werden zu Akteuren, nicht im menschlichen, aber im organisatorisch wirksamen Sinn.
Sie verändern Abläufe. Verschieben Entscheidungen. Strukturieren Aufmerksamkeit. Erzeugen Optionen.
Bezeichnend ist, dass selbst der Vatikan reagiert. Papst Leo XIV. nennt seine erste KI-Enzyklika Magnifica Humanitas – „grossartige Menschheit“. Schon im Titel steckt das Wesentliche: der Mensch im Zentrum, souverän, würdevoll, Massstab aller Technik.
Genau hier liegt die Ironie.
Wir verteidigen die Souveränität des Menschen und müssen zugleich anerkennen, dass Technik längst mitentscheidet, mitordnet, mitwirkt.
Die „grossartige Menschheit“ steht nicht mehr allein über ihren Werkzeugen. Sie steht in einem Netzwerk mit ihnen.
Das ist der eigentliche Shift, den ich in meinem aktuellen Beitrag in der Netzwoche zur agentischen Organisation beschreibe: KI wird nicht einfach als Tool eingebaut. Sie verändert die Architektur von Entscheidung, Verantwortung und Zusammenarbeit.
Damit schliesst sich für mich ein Kreis. In unserem Buch ANThology. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie (2006) ging es um die Frage, wie soziale Wirklichkeit im Zusammenspiel menschlicher und nicht-menschlicher Akteure in Netzwerken entsteht.
Heute ist diese Perspektive hochaktuell. Denn in agentischen Organisationen handeln nicht mehr einzelne Subjekte. Es handeln Netzwerke.
Die Frage lautet deshalb nicht mehr nur:
Wie bleibt der Mensch "in the loop"? Sondern: Wie gestalten wir Netzwerke, in denen menschliche und nicht-menschliche Akteure gemeinsam Verantwortung, Wirkung und Sinn hervorbringen?
Genau diesen Fragen gehen wir auch in unseren CAS-Programmen am IKF nach:
👉 CAS AI & Future of Work – Agentic Turn, hybride Intelligenz, Future Skills und neue Formen von Führung.
👉 CAS Digitale Transformation. Wo Technologie auf Philosophie trifft – Organisationen als lebendige Transformationsräume zwischen Technologie, Kultur, Strategie und Praxis.
👉 CAS AI Governance for Organizations - KI strategisch steuern
Vielleicht beginnt die eigentliche Transformation dort, wo wir aufhören, Technologie nur als Mittel zu sehen und anfangen, Organisationen als Netzwerke menschlicher und nicht-menschlicher Akteure zu gestalten.
Eine wahrhaft "magnifica humanitas" wäre dann keine, die sich über Technik erhebt. Sondern eine, die gelernt hat, mit ihr im Netzwerk zu handeln.